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Imposter-Syndrom: Sie sind kein Hochstapler!

27. März 2025
8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 8 Stunden

Selbstzweifel im Rampenlicht: Das Imposter-Syndrom verstehen


Sie haben etwas erreicht, worauf Sie eigentlich stolz sein könnten. Eine neue Position. Ein gelungenes Projekt. Eine Anerkennung für Ihre Arbeit.


Die Leistung ist erbracht. Nur die innere Anerkennung scheint noch unterwegs zu sein.


Stattdessen meldet sich ein Gedanke:

Wenn die wüssten, dass ich das eigentlich gar nicht kann.


Vielleicht schreiben Sie Ihren Erfolg dem Glück, dem richtigen Zeitpunkt oder der Unterstützung anderer zu. Vielleicht fürchten Sie, irgendwann könnte jemand bemerken, dass Sie längst nicht so kompetent sind, wie alle glauben.


Als hätten Sie sich in einen Raum geschlichen, in den Sie gar nicht gehören – obwohl Ihr Name an der Tür steht.


Genau dieses innere Erleben wird als Imposter-Syndrom oder Imposter-Phänomen bezeichnet.


Menschen zweifeln an ihren Fähigkeiten, obwohl ihre Leistungen und Erfahrungen deutlich für ihre Kompetenz sprechen.


Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, kann dabei sehr überzeugend wirken. Es ist jedoch kein Beweis dafür, dass Sie Ihren Erfolg nicht verdient haben.


Imposter-Gefühle hängen häufig mit Selbstzweifeln, hohen inneren Ansprüchen und einem unsicheren Selbstwert zusammen. Sie können aber auch in Übergangsphasen entstehen – etwa bei einem neuen Job, nach einer Beförderung oder immer dann, wenn Sie sich auf ungewohntem Terrain bewegen.


Es lohnt sich deshalb, genauer hinzusehen: nicht weil mit Ihnen etwas nicht stimmt, sondern weil Ihr innerer Blick möglicherweise noch nicht mit dem Schritt mitgekommen ist, den Sie längst gegangen sind.





Was ist das Imposter-Syndrom?


Impostor-Syndrom: Holzbuchstaben formen das Wort Imposter auf einem orange-weißen Hintergrund.
Impostor-Syndrom: Wenn die eigenen Erfolge sichtbar sind – und sich trotzdem nicht echt anfühlen.

Auch Impostor-Phänomen und Hochstapler-Syndrom sind gebräuchliche Bezeichnungen.


Typisch ist, dass Sie Ihre Leistung kaum als Beleg für Ihre Fähigkeiten gelten lassen – ob Sie gerade eine neue Aufgabe übernommen haben oder etwas tun, das Sie längst beherrschen.


Was gelingt, erscheint Ihnen als Glück, gutes Timing oder Verdienst anderer. Die Sorge, irgendwann als weniger kompetent zu gelten, bleibt trotzdem.


Das Imposter-Syndrom ist keine eigenständige psychische Erkrankung und keine medizinische Diagnose im Sinne der ICD-11. Das bedeutet jedoch nicht, dass die damit verbundenen Gedanken harmlos sein müssen.


Die ständige Angst, den eigenen Erwartungen nicht zu genügen oder von anderen „entlarvt“ zu werden, kann erheblichen inneren Druck erzeugen. Sie kann mit Stress, Erschöpfung, Ängsten oder depressiven Beschwerden zusammenhängen und dazu führen, dass Menschen berufliche Chancen meiden, Erfolge nicht genießen oder sich ständig neu beweisen müssen.



Sie sind damit nicht allein


Das Imposter-Phänomen wurde 1978 von den Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes zunächst bei erfolgreichen Frauen beschrieben. Heute zeigen wissenschaftliche Übersichtsarbeiten: Imposter-Gefühle sind weit verbreitet – genaue Zahlen schwanken jedoch stark, je nachdem, wie sie gemessen werden.


Wichtiger als eine einzelne Prozentzahl ist deshalb die Erkenntnis: Viele Menschen kennen dieses Gefühl, trotz sichtbarer Kompetenz innerlich nicht wirklich zu genügen.


Sie leben mit der Angst, „aufzufliegen“ – als hätte man ihnen aus Versehen den Schlüssel zum Erfolg gegeben und würde ihn jeden Moment zurückfordern.


Doch dieses Gefühl ist kein Beweis dafür, dass Sie nicht kompetent sind. Es zeigt vielmehr, wie wenig die eigenen Erfolge manchmal im Selbstbild ankommen.


 

Woher kommen die Zweifel an der eigenen Kompetenz?


Es gibt selten nur eine Ursache. Frühere Erfahrungen, hohe eigene Ansprüche, das berufliche Umfeld und die Art, wie Sie Erfolge und Fehler bewerten, können zusammenwirken.


Ein wichtiger Mechanismus ist die innere Erklärung dessen, was passiert: Gelingt Ihnen etwas, war es angeblich Glück, der richtige Zeitpunkt oder nur besonders gründliche Vorbereitung. Misslingt etwas, wirkt derselbe kleine Fehler plötzlich wie ein Urteil über Ihre gesamte Kompetenz.


Zehn positive Rückmeldungen gelten vielleicht als Höflichkeit. Eine kritische Anmerkung bekommt dagegen sofort Beweiskraft.


Was gelingt, zählt nicht richtig. Was misslingt, zählt doppelt.


Vielleicht haben Sie irgendwann gelernt, dass Anerkennung eng mit Leistung verbunden ist. Oder dass ein Fehler möglichst nicht passieren darf. Dafür braucht es keine bestimmte Kindheitsgeschichte. Auch spätere Erfahrungen und ein Umfeld, in dem Fehler hart bewertet werden, können solche inneren Regeln verstärken.


Diese Regeln beeinflussen, worauf Sie achten. Was zu Ihrem Zweifel passt, fällt sofort auf. Was ihm widerspricht, erklären Sie leichter weg. In der Psychologie wird diese Tendenz als Confirmation Bias bezeichnet.


Fragen Sie sich einmal:

  • Was bedeutet ein Fehler für mich: eine Information über mein Handeln oder ein Urteil über meine Person?

  • Wem schreibe ich einen Erfolg zu – und wem einen Misserfolg?

  • Welche Rückmeldungen glaube ich sofort, und welche erkläre ich weg?


Diese Fragen sollen keine einzige „wahre Ursache“ finden. Sie helfen Ihnen zu erkennen, nach welchen Regeln Ihr innerer Kritiker Beweise sammelt.



Wen betrifft das Imposter-Phänomen?


Grundsätzlich können Menschen ganz unterschiedlicher Geschlechter, Berufe und Lebensläufe solche Zweifel erleben. Es prüft weder Zeugnisse noch Berufsbezeichnungen, bevor es sich bemerkbar macht.


Vielleicht erkennen Sie sich in einer dieser Situationen wieder:

  • Sie übernehmen eine neue Aufgabe oder mehr Verantwortung und fühlen sich darin noch nicht sicher.

  • Ihre Arbeit wird häufig bewertet, etwa im Studium oder Beruf.

  • Sie gehen einen Weg, für den es in Ihrer Familie kaum Vorbilder gibt.

  • Sie arbeiten viel allein und erhalten wenig konkrete Rückmeldung.

  • Sie erleben Vorurteile oder haben das Gefühl, Ihre Zugehörigkeit immer wieder beweisen zu müssen.

  • Sie stellen so hohe perfektionistische Ansprüche an sich, dass selbst ein gutes Ergebnis kaum zählt.


Nicht jeder Mensch in diesen Situationen entwickelt Hochstapler-Gefühle. Und nicht jeder Zweifel liegt allein in der Person: Ein Umfeld, das Fehler hart sanktioniert oder Zugehörigkeit infrage stellt, verdient ebenfalls einen kritischen Blick.



Welche Folgen können die Zweifel für Alltag und Beruf haben?


Wenn Sie Ihre Kompetenz immer wieder infrage stellen, können Sie Erfolge oft nur kurz genießen. Lob wird angezweifelt, während ein kleiner Fehler noch lange im Kopf bleibt. Das kann anspannen und erschöpfen.


Auch beruflich kann sich das bemerkbar machen. Vielleicht meiden Sie eine Aufgabe, für die Sie eigentlich qualifiziert wären. Oder Sie sagen zu und bereiten sich so gründlich vor, dass kaum noch Raum für etwas anderes bleibt.


Untersuchungen finden Zusammenhänge zwischen ausgeprägten Hochstapler-Gefühlen, Angst, depressiven Beschwerden, Burnout und geringerer Arbeitszufriedenheit. Das bedeutet nicht, dass die Zweifel diese Beschwerden verursachen. Wenn sie Ihren Alltag stark belasten, ist das dennoch ein guter Grund, genauer hinzuschauen.



Der Kreislauf: Warum Erfolg die Zweifel oft nur kurz beruhigt


Vielleicht kommt Ihnen dieser Ablauf bekannt vor:

  1. Eine neue, anspruchsvolle Aufgabe steht an.

  2. Sie befürchten, den Erwartungen nicht zu genügen.

  3. Sie bereiten sich übermäßig vor – oder schieben die Aufgabe zunächst auf und arbeiten später unter hohem Druck.

  4. Die Aufgabe gelingt. Für einen Moment stellt sich Erleichterung ein.

  5. Sie erklären den Erfolg mit Glück oder damit, dass Sie sich außergewöhnlich angestrengt haben.

  6. Bei der nächsten Aufgabe beginnen die Zweifel erneut.


Was Sie geleistet haben, ist sichtbar. Innerlich gilt es trotzdem nicht als Beleg für Ihre Fähigkeiten. So kann sich der von Pauline Clance beschriebene Kreislauf wiederholen.



Fünf strenge Maßstäbe für Kompetenz nach Valerie Young


Valerie Young beschreibt fünf Regeln, nach denen Menschen ihre Kompetenz beurteilen können. Das sind keine Diagnosen oder festen Persönlichkeitstypen.


Vielleicht erkennen Sie einen Gedanken wieder, der Ihnen erstaunlich vertraut vorkommt. Oder mehrere – der innere Kritiker ist manchmal recht vielseitig.


Perfektionist

Ein Ergebnis zählt erst, wenn kein Fehler darin zu finden ist. Sie haben eine Aufgabe gut erledigt – und denken beim Lob nur an den einen Satz, den Sie anders formuliert hätten.


Natürliches Genie

Können soll sich schnell und leicht zeigen. Wenn Sie für etwas üben müssen, erscheint Ihnen das bereits als Hinweis, dass Ihnen die Begabung fehlt.


Experte

Sie müssten alles wissen, bevor Sie sich kompetent nennen dürfen. Eine Frage, auf die Sie nicht sofort eine Antwort haben, stellt dann Ihre gesamte Erfahrung infrage.


Einzelkämpfer (Soloist)

Was Sie mit Unterstützung schaffen, zählt innerlich weniger. Um Hilfe zu bitten fühlt sich an, als hätten Sie Ihre Kompetenz damit widerlegt.


Superperson

Sie müssten in allen Rollen gleichzeitig überzeugen. Bleibt irgendwo etwas liegen, wird daraus schnell mehr als ein voller Kalender: ein Urteil über Sie selbst.


Ansprüche zu haben ist nicht das Problem. Belastend wird es, wenn Ihr Maßstab praktisch nur unter Bedingungen erreichbar ist, die kein Mensch dauerhaft erfüllen kann.


Was hilft, wenn sich Erfolg trotzdem nicht echt anfühlt?


„Seien Sie einfach selbstbewusster“ klingt nach einem schnellen Rat. Bis die nächste Aufgabe auf dem Schreibtisch liegt und die Zweifel wieder mit am Tisch sitzen.


Trennen Sie Gefühl und Urteil. „Ich bin gerade unsicher“ beschreibt, wie es Ihnen geht. „Ich kann das nicht“ behauptet bereits etwas über Ihre Fähigkeiten. Fragen Sie sich, welche Beobachtung für dieses Urteil spricht – und welche Sie möglicherweise übersehen.


Schauen Sie auf Ihren Anteil am Erfolg. Vielleicht hatten Sie Unterstützung oder günstige Umstände. Das macht Ihre Leistung nicht unecht. Was haben Sie selbst vorbereitet, entschieden, gelernt oder umgesetzt? Es geht nicht darum, sich etwas schönzureden, sondern das vollständige Bild zu betrachten.


Eine Kollegin lobt Ihre Präsentation. Ihr erster Gedanke: „Das Thema war eben leicht.“ Schauen Sie genauer hin: Wer hat die Informationen sortiert, passende Beispiele ausgewählt und auf die Fragen geantwortet? Gute Vorbereitung ist keine Ausrede für Erfolg. Sie ist ein Teil Ihrer Leistung.


Prüfen Sie auch Ihren Maßstab und Ihr Umfeld. Erwarten Sie von sich etwas, das Sie von anderen nie verlangen würden? Bekommen Sie konkrete Rückmeldung? Oder müssen Sie Ihre Zugehörigkeit tatsächlich häufiger beweisen als andere? Nicht jeder Zweifel lässt sich allein durch einen freundlicheren Gedanken auflösen.


Beginnen Sie mit einer konkreten Situation. Wenn Sie sich darüber hinaus mit dem Gefühl beschäftigen möchten, nicht zu genügen, finden Sie im Beitrag Selbstzweifel überwinden: Was hilft, wenn Sie sich nicht gut genug fühlen weitere Schritte für den Alltag.




Häufige Fragen zum Imposter-Syndrom


Mit dem Imposter-Syndrom – auch Impostor- oder Hochstapler-Syndrom genannt – ist gemeint, dass Menschen trotz erkennbarer Kompetenz an ihren Fähigkeiten zweifeln. Erfolge schreiben sie eher Glück, Zufall oder äußeren Umständen zu. Das kann mit hohen inneren Ansprüchen und einem unsicheren Selbstwert zusammenhängen.

Typisch ist, dass Sie trotz sichtbarer Leistungen immer wieder denken: Eigentlich kann ich das gar nicht richtig, irgendwann merkt jemand, dass ich nicht gut genug bin oder mein Erfolg war nur Zufall. Viele Menschen mit Imposter-Gefühlen bereiten sich übermäßig vor, zweifeln ständig an sich, werten Lob ab oder erleben Erleichterung nur sehr kurz, bevor die Selbstzweifel wieder einsetzen.

Nein. Das Imposter-Phänomen ist keine eigenständige medizinische Diagnose. Trotzdem können die Zweifel erheblich belasten. Sie können mit Stress, Erschöpfung oder psychischen Beschwerden zusammenhängen und beeinflussen, welche beruflichen Chancen Sie sich zutrauen. Keine Diagnose zu sein bedeutet nicht, dass das Erleben harmlos ist.

Es gibt nicht die eine Ursache. Frühere Erfahrungen mit Kritik oder Leistung können eine Rolle spielen, ebenso hohe eigene Ansprüche, die Bewertung von Erfolg und Fehlern sowie das soziale oder berufliche Umfeld. Wer einen Erfolg regelmäßig als Zufall abtut, findet darin kaum Sicherheit für die nächste Herausforderung.

Grundsätzlich Menschen ganz unterschiedlicher Geschlechter und Berufsgruppen. Solche Zweifel können etwa bei neuen Aufgaben, in stark bewertenden Umfeldern oder dort auftauchen, wo jemand wenig Rückmeldung erhält oder die eigene Zugehörigkeit infrage gestellt wird. Aus der Außenwirkung allein lässt sich das innere Erleben nicht ablesen.




Ihr Erfolg darf auch bei Ihnen ankommen


Noch mehr zu leisten, sich noch besser vorzubereiten oder sich stärker anzustrengen, beruhigt diese Zweifel meist nur kurz.


Oft beginnt Veränderung dort, wo Sie Ihre Erfolge realistischer betrachten. Wo Sie Lob nicht sofort wegschieben. Wo Sie den inneren Kritiker nicht mehr automatisch für die Wahrheit halten.

Sie müssen nicht perfekt sein, um kompetent zu sein. Und Sie müssen sich Ihren Platz nicht jeden Tag neu verdienen.


Wenn Selbstzweifel, Leistungsdruck oder die Angst, „aufzufliegen“, viel Raum einnehmen, kann es hilfreich sein, genauer hinzuschauen.


In meiner psychologischen Beratung online unterstütze ich Sie dabei, die offenen Tabs im Kopf zu sortieren und zu erkennen, welche Gedanken Sie immer wieder unter Druck setzen.


Wenn Sie sich darin wiedererkennen, können wir in einem kostenfreien Vorgespräch gemeinsam schauen, was Sie gerade brauchen – und ob mein Angebot für Sie passend ist.






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Quellen & Inspirationen:

Clance, P. R. & Imes, S. A. (1978): The Impostor Phenomenon in High Achieving Women: Dynamics and Therapeutic Intervention. Psychotherapy: Theory, Research & Practice.

Bravata, D. M. et al. (2020): Prevalence, Predictors, and Treatment of Impostor Syndrome: A Systematic Review. Journal of General Internal Medicine.

Young, V.: The 5 Types of Impostor Syndrome. Impostor Syndrome Institute.

Vincent, K.: Overcoming Imposter Syndrome. The Great Courses / Audible Originals, 2023.

Cornils, Doris (2025): „Aus dem Schatten ans Licht. People Pleasing, Perfektionismus und Impostor-Syndrom – die tiefe Sehnsucht, gesehen zu werden.“ Praxis Kommunikation, 04/2025.







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